Sylter Meersalz

Sylter Meersalz und ein Klavier

06.04.2017
Was hat Sylter Meersalz mit einem Klavier zu tun? Eine ganze Menge, weiß Rüdiger Tittel und schreibt uns seine Salzgeschichte, die mit einem unerwarteten Weihnachtsgeschenk endete und 70 Jahre zuvor auf Sylt begann.

Als echte Überraschung schenkten mir meine Schwägerin Jutta und mein Bruder Wolfgang zu Weihnachten 2015 ein Glas mit dem mir bis dann ganz unbekannten Sylter Salz, das in der Hafenstraße in List auf Sylt hergestellt und angeboten wird. Ich hatte bis zur ersten Verkostung dieser mir bislang unbekannten Rarität gar nicht gewusst, dass Salz eine so eigene und ganz spezielle Geschmacksrichtung haben könnte. Jede Salztesterin wie ebenso jeder männliche Tester wird mir nach einem ersten Probieren, so glaube ich, zustimmen, dass in diesem feinen, aus dem Wattenmeer vor List auf Sylt gewonnenen Meersalz, ein ganz besonders vielseitiger Geschmack liegt.
Als Rentner hat man Gelegenheit, über einem fraglich erscheinende Begebenheiten immer wieder, je nach vorliegenden oder zufliegenden Gedanken, gemachten Erfahrungen und selbst erlebten Aktionen zu Sammelsurien von Begründungen zu gelangen, von denen ich hier einige vorzeigen möchte, um zu belegen, warum das in List auf Sylt – dem nördlichsten Dorf Deutschlands – gefertigte Meersalz mit Recht als eine Rarität bezeichnet werden kann.
Dazu ein paar für mich und die Entstehung des Lister Salzes wichtige familiengeschichtliche Zusammenhänge:
Unsere Mutter war Ende Januar 1945 von Westpreußen aus mit uns fünf Kindern und einem Kindermädchen gen Westen geflüchtet mit dem Ziel List auf Sylt, wo ihre jüngste Schwester, Kriegerwitwe wie unsere Mutter, mit ihren beiden Kindern in einem kleinen Reihenhaus wohnte. Auf dem Weg der Flucht war unsere siebenköpfige Flüchtlingsgruppe rein zufällig auf einem Bahnhof östlich von Hamburg auf die Eltern unserer Mutter und Tante gestoßen, so dass wir – nun neun Personen stark – am Ostersonntag 1945 mit der Bimmelbahn – dem „Dünenexpress“ – in List ankamen.
Unsere Tante ahnte tatsächlich nichts von unserem Kommen, und als sie – mit ihrer Nachbarin auf dem Weg ins Lister Kino – unseren Trupp sah, bemerkte sie ganz trocken: „Sehen Sie mal, da kommt schon wieder so ein ganzer Haufen von Flüchtlingen!“
Ich selbst war im April 1945 eineinhalb Jahre alt, und der weiße Kinderwagen, der mein Transportmittel war, leistete nicht nur mir Beschirmung und Sicherheit, sondern führte unter meiner Matratze die paar wenigen Habseligkeiten, die unsere Mutter für wichtig genug gehalten hatte, in die Fremde mitzunehmen.
Sylter MeersalzIn List erlebte ich eine freizügige und unbeschwerte Kinderzeit, mit viel Wind, Sonne, Wasser, Sand. Ich war, wenn immer möglich, unterwegs. Eine niedrige, mit Strandhafer bewachsene Düne lag direkt hinter dem Haus unserer Tante, und der Weg bis zum Oststrand und zum Wattenmeer war auch nicht mehr als fünfzehn Minuten zu Fuß vom Haus entfernt.
Bevor ich mit sechs Jahren eingeschult wurde, war es mir immer eine besondere Freude, bei ablaufendem Wasser und bei Ebbe auf dem langsam trocken werdenden Wattenboden Türmchen, Wassergräben und Burgen zu bauen, die von der dann folgenden Flut selbstverständlich völlig überspült wurden und meistens schon am nächsten Tag nicht mehr erkennbar waren.
Ich hatte bis zu meiner Einschulung im Jahr 1950 viel Zeit, das Watt umzugraben, mit Krebsen und Wattwürmern zu spielen und meine ungestörte Frei- und Kinderzeit zu genießen. Einen Spielplatz habe ich nie vermisst; und als ich, zwölf Jahre alt, so eine Anlage zum ersten Mal im Essener Grugapark sah, war ich ganz erstaunt, dass man mit Sand und Spielgeräten den Kindern eine Kunstwelt vorgebaut hatte. Jedenfalls habe ich bei meinen jahrelangen Bautätigkeiten auf dem Lister Wattengelände nördlich des Hafens, dem damals so bezeichneten ‚Hundestrand‘, zweifellos und unbeabsichtigt zur Würzung des Wattenmeeres beigetragen, um damit auf den Anlass dieser Rückbesinnung zurück zu kommen.
Drei Jahre nach unserer Ankunft in List zogen wir in die für diesen Zweck völlig ungeeigneten ehemaligen Amtsräume im Obergeschoss der Bauverwaltung – Am Brünk 1 – um, in vier Zimmer von jeweils 3 x 3 qm Größe, von denen jeweils zwei durch eine Zwischentür miteinander verbunden waren; zwei Jahre später kam ein weiteres größeres Zimmer mit Sicht auf den Bauleitungsplatz dazu.
In dieses, später ‚Eschenzimmer‘ genannte Wohnzimmer wurde 1950 ein aus dem Offiziersheim organisiertes Tafelklavier gestellt, an dem unser Bruder Wolfgang seine Fingerübungen machte. Das Klavier war schwarz lackiert, stand auf vier unten rund gedrechselten, oben viereckigen Beinen und wurde auf seine Klanggenauigkeit hin regelmäßig von einem Klavierstimmer überprüft.
Was hat dieses Klavier mit dem Lister Salz zu tun? Warten Sie es ab:
Im Frühsommer 1953 konnten wir endlich unsere Behelfsunterkunft am Brünk 1 verlassen und zogen mit unseren wenigen Möbeln in das halbe, reetgedeckte Doppelhaus Mannemorsumtal 22 um – das Klavier war mit dabei.
Vom Wohnzimmer dieses etwas erhöht gelegenen Hauses hat man einen herrlichen Blick auf das keine 100 Meter davor liegende Wattenmeer, und bei klarer Sicht erkennt man die Züge auf dem Hindenburgdamm. Der Wattenmeerboden nördlich der Eisenbuhne, die heute durch Eisgang und Verrostung verschwunden ist, wurde damit an diesem Oststrand zu meinem neuen ‚Arbeitsgebiet‘. Zwar hatte ich als Schüler der Lister Grundschule und ab 1954 des Progymansiums Westerland/Sylt nun weniger Freizeit für Bauarbeiten auf dem Wattenboden, das Wasser zog sich hier bei Ebbe aber weiter als am Lister Hafen zurück und gab mir dadurch mehr Muße für eine meiner liebsten Freizeitbeschäftigungen.
Wie oft ich den gewellten Sandboden bis etwa zu meinem 12. Lebensjahr dort umgegraben habe, weiß ich nicht, was mir aber heute, im Nachhinein, auffällt, ist, dass ich kaum einmal einen zweiten Menschen am Strand sah, ich war wohl der einzige, der bei den immer feuchten Matschbauarbeiten auf dem Watt seine völlig erfüllte kindliche Freude empfand.
Unsere Mutter verstand es gut, mit den Kurgästen umzugehen, mit einigen, mit vielen entwickelten sich freundschaftliche und nahe Beziehungen. Ich erinnere mich an ein Paar, das hierher Mitte der 50er Jahre seine Hochzeitsreise machte und das auch 25 Jahre später bei uns im Haus seine Silberhochzeit feierte.
Wo aber bleibt das Klavier? Es musste aus dem kleinen Zimmer entfernt werden, weil auch dieser kleine, im Parterre gelegene Raum mit freiem Blick zum Wattenmeer im Sommer vermietet werden sollte.
Aber wohin damit? Sperrmüllabfuhr gab es in List nicht – ich glaube, es gab damals nicht einmal den Begriff ‚Sperrmüll‘, weil kein Möbelstück weggeworfen wurde.
Unser ältester Bruder Jürgen hatte zuweilen gute Ratschläge; zwar konnte er selbst wegen eines Rückenschadens nicht selbst stark mit anpacken, aber wir schafften es bei seinen aufmunternden Zurufen auch so, das recht schwere Tasteninstrument den mit Betonsteinen befestigten Weg bis zur Strandtreppe zu tragen – bei Ebbe, versteht sich, denn wir wollten es möglichst weit in einem tiefen Priel versenken.
Das bedeutete erneut etwa 50 Meter Schwerarbeit des Transportes über den Wattenboden – ich wusste aus meinen jahrelangen Matschbauarbeiten besonders gut, wo dieser eher fest als matschig war – nördlich an der Muschelbank vorbei bis zu der Stelle, wo das Wasser bei Ebb- und Flutstrom tiefer in einen Priel herabfiel.
Nach letzten Tastenklängen versenkten wir dort, etwa bis zur Hüfte im Wasser stehend, das schwere Instrument und zogen uns langsam zurück, um zu beobachten, wie es bei einsetzender Flut immer tiefer unter dem aufsteigenden Wasser verschwand. – Dass es sich auf den eigenen vier Beinen weiter fortbewegte, glaube ich eher nicht, aber schon am nächsten Tag war auch bei Ebbe nichts mehr von dem schwarzen Monstrum zu sehen. Und nun die Verbindung zu dem Sylter oder besser gesagt Lister Salz:
Wo, in welchem Salzgewinnungsgebiet auch immer, gibt es Fundorte oder Abbaustellen, bei denen das zukünftige Salz jahrelang durch Klaviersaiten animiert und musikalisch-harmonisch bestimmt wird?
Die Zufälligkeit unseres Klaviertransportes in das Lister Wattenmeer und das neuzeitliche Herstellen von Meeressalz aus diesem Seegebiet mag manchem als unbedeutend erscheinen. Es gibt aber auch Menschen, die fest an die Wirksamkeit von homöopathischen Dosierungen glauben, und für diese liegt auf der Hand, dass die Ausstrahlung des Klaviers im Wattenmeer und mein jahrelanges Bearbeiten dessen Untergrundes seine Auswirkung in der Geschmackdarstellung des Lister Salzes haben müssen.
Testen Sie also selbst und prüfen die Richtigkeit dieser Schlüsse. Ich glaube, schon allein der vorzügliche eigene Geschmack des Lister Meersalzes gibt meinen Gedanken Recht…….

Für den Michel spenden
Das Spendenformular von Altruja.