Michel Putzfrau

Die meditierende Perle

17.01.2017
Wer Johanna Sangha beim Putzen erlebt, der versteht, was Wischen und Feudeln mit Meditation zu tun haben. Selbstvergessen und hoch konzentriert bewegt sie sich in einem eigenen Rhythmus, einstudiert in 32 Berufsjahren als Reinigungskraft am Michel.

Sie gibt sich ganz hinein – so sehr, dass sie schon mal Angst hatte, schwerhörig geworden zu sein, weil sie ihre Kollegin regelmäßig überhörte. „Aber mit meinem Gehör ist alles in Ordnung“, sagt die 65-Jährige lachend. Bei der Arbeit ist sie eben ganz bei der Sache, „Ich lebe ganz im Moment. Das bringt weiter.“ Kaum vorstellbar, dass diese Arbeit nun enden wird: Johanna Sangha geht Ende 2016 in den Ruhestand. Michel Putzfrau

Ein langer, oft schwieriger Lebensweg hat die Thüringerin zum Michel geführt. Die Hauptkirche ist die Konstante ihres Lebens geworden, die sie gerettet und getragen hat. In eine Pastorenfamilie in der ehemaligen DDR ist sie hineingeboren worden und hat schon früh Bescheidenheit und „Selbstverleugnung“, wie sie es nennt, gelernt. Mit dem Beginn ihres Theologiestudiums wollte sie den Traum verwirklichen, den ihre Mutter für ihr eigenes Leben nicht umsetzen konnte. Drei Jahre Vorbereitung durch das Studium alter Sprachen – Hebräisch, Altgriechisch und Latein – brachte Johanna Sangha hinter sich, auch vier Jahre Theologie. Dann brach sie ab. „Ich hatte Zweifel, ob es Gott gibt“, sagt sie offen. Die Bücher, die ihr späterer Mann ihr zum Lesen gab, halfen nur bedingt. Die Antwort auf ihre Frage fand sie beim sozialistischen Theologen Robert Steigerwald. „Nach dem Tod weiß man es, hat er sinngemäß gesagt. Das genügte mir, seither halte ich mich vorerst an das Kulturelle des Glaubens.“

Ganz irdisch wurde Johanna Sangha erst mal Ehefrau und Mutter von vier Kindern. Ihr Mann, Pazifist wie sie, kam in Konflikt mit dem Regime. „Ich fühlte mich vom Sozialismus betrogen“, erklärt sie und ahnte: „Das kann nicht gut gehen.“ Das Ehepaar stellte einen Ausreiseantrag und konnte schließlich die DDR verlassen „mit drei Koffern und vier Kindern“. Zuerst einmal kamen sie bei Johanna Sanghas Eltern in der Lüneburger Heide unter. Sie hatten die DDR verlassen müssen, als der Vater als Pastor mit 58 Jahren in den Ruhestand ging. Die Familie hatte alles zurückgelassen – Wohnung, Arbeit, Freunde. Besonders schwierig wurde es für Johanna Sanghas Mann, der in Ost-Berlin als U-Bahnfahrer gearbeitet hatte. Auf dem Dorf in der Heide gab es nichts zu tun, „wir hatten ja auch kein Auto, konnten nirgendwo hin.“Michel Putzfrau

Weil ihr Mann keine Arbeit fand, machte sich Johanna Sangha auf die Suche. „Bis dahin hatte ich für einen Beruf nur wenig Energie gehabt“, erzählt sie. In der DDR hatte sie mal geputzt, mal als Kassiererin gearbeitet. Im Westen musste sie ein Jahr lang suchen, bis sie überhaupt eine Chance bekam: „Die fanden mich alle überqualifiziert und konnten sich nicht vorstellen, dass ich mich mit einer so einfachen Tätigkeit zufrieden geben würde.“Beim Michel passte es und so begann Johanna Sanghas zweites Leben unterm Kirchturm.

Der Michel bestimmt seit 32 Jahren ihren Tagesrhythmus. Morgens um drei Uhr steht sie auf, der Bus bringt sie zur Arbeit, die nie ein Ende nimmt. „Man lässt eben was liegen und macht das zuerst, was wichtig ist“, sagt sie fröhlich. Und so bekommen alle Dinge nach und nach die gebührende Aufmerksamkeit – so wie der neue rote Teppich, mit dem der Michel dank zahlreicher Spenden seine Besucher festlich willkommen heißt. Wie man mit den unterschiedlichen Materialien umgeht, hat sie sich selbst durch Versuche beigebracht. „Marmor ist empfindlich“, weiß sie und ihr besonderes Sorgenkind ist der Lack auf dem Chorgestühl, der falsche Behandlung nicht verzeiht.

Meist ist Johanna Sangha unsicht- und unhörbar unterwegs. Das macht es Besuchern des Michel, die etwas auf dem Herzen haben, leicht, Vertrauen zu ihr zu fassen. Und so kommen sie immer wieder mit ihr ins Gespräch; geduldig hört sie beim Putzen ihren Nöten und Ängsten zu. Manchmal gibt sie einen Rat, der vom Herzen kommt, wie sie sagt, „eine Putzfrauenantwort.“ Meist aber hört sie zu und ist Gott dankbar, dass sie nicht zu viel sagt, denn die Menschen fänden ihre Antworten meist in sich selbst.

Ob sie Pläne für den Ruhestand hat? Da nickt sie. Mit einer Kollegin und Freundin wird sie für ein paar Monate nach Thailand reisen. Es wird ihre erste Fernreise sein, seit einem Jahr lernt sie bereits Thailändisch. Nach China möchte sie gern noch reisen, wegen der Philosophen, deren Schriften sie gelesen hat. „Der Taoismus kommt mir sehr plausibel vor“, sagt sie schlicht. Eine Frage hat sie lange beschäftigt. „Eine Frau hat mich mal gefragt, ob ich ihr in zwei Minuten sagen kann, woran Christen glauben“, erzählt sie. Darüber hat sie viel nachgedacht: „Was glaube ich?“ Nach dem Abklopfen der Glaubensbekenntnisse blieb sie hängen bei der Gemeinschaft der Heiligen: „Sie bilden ein Netz, eine überirdische Gemeinschaft.“ St. Michaelis würde ihr wohl kaum widersprechen.

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